Aufgedeckt: Fassadendemokratie und das globale Finanzsystem.

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Über Fassadendemokratie und das globale Finanzsystem.

Videolink hier klicken Ernst Wolff „Finanz Tsunami“

      Der französische Dramatiker Eugène Ionesco hat einmal gesagt  Nur wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit zurecht. Ich glaube es gibt wenige Sätze die unsere Epoche treffender charakterisieren als dieser. Wir leben in einer Welt die mehr Reichtum produziert als jemals zuvor – aber dieser Reichtum ist absurd verteilt. Der Hilfsorganisation Oxfam zufolge, besaßen 2014 85 Einzelpersonen genau so viel [Anm.: Die Hälfte des Weltvermögens] wie der ärmere Teil der Welt, 2015 waren es noch 62, und 2016 noch ganze 8 Personen! Das heißt, selbst wenn man die Genauigkeit dieser Zahlen bezweifeln mag, muss man feststellen, dass wir es im vergangenen Jahr bei der Zunahme der sozialen Ungleichheit auf der Welt mit einer exponentiellen Beschleunigung zu tun haben.

      Und nicht nur das – auch die Kluft zwischen armen und reichen Staaten nimmt immer schneller zu, mit der Folge, dass in Zeiten der Überproduktion immer mehr Menschen ihrer Heimat entfliehen, um Armut und Hunger zu entkommen. Absurd ist vor allem was dagegen getan wird. Es werden nicht etwa internationale Programme aufgelegt zum Abbau der sozialen Ungleichheit, sondern es werden Mauern errichtet, es werden Zäune gezogen, es werden Grenzen gesichert und Schießbefehle erteilt.

      Die nächste Absurdität betrifft den globalen Schuldenberg. Wir haben es zurzeit mit dem höchsten und schnellst wachsenden Schuldenstand  in der gesamten Geschichte der Menschheit zu tun. Aber diese Schulden werden nicht etwa gemacht, um in die Zukunft der Menschheit zu investieren, sondern um ins internationale Finanzcasino zu wandern, oder, was noch schlimmer ist, sie werden eingesetzt um noch effizientere, noch schrecklichere Waffen zu produzieren. Das Ergebnis: Neben der sozialen Ungleichheit ist der Krieg die zweite Hauptursache für die größten Flüchtlingsströme seit siebzig Jahren. Das wiederum hat uns in die absurde Situation gebracht, dass trotz der Erfahrungen die die Menschheit mit den Schrecken und Grauen von zwei Weltkriegen gemacht hat, ein dritter Weltkrieg möglich erscheint.

      Der Gipfel des Absurden, der absolute Olymp des Absurden, aber ist erreicht, wenn man sich vergegenwärtigt, wer in dieser unglaublich schwierigen und gefährlichen Zeit der mächtigste Mann der Welt ist: Ein korrupter Bauunternehmer, der seinen Job zur persönlichen Bereicherung missbraucht, der ständig Öl ins Feuer der globalen Konflikte gießt und der die Welt tagtäglich auf dem Niveau eines zwölfjährigen per Twitter über seinen Geisteszustand auf dem Laufenden hält.

      Bei dieser rekordverdächtigen Absurdität, angesichts der riesigen Probleme vor denen wir stehen, wird es meiner Meinung nach höchste Zeit, nach einem Ausweg zu suchen. Und zwar nach einem Weg der uns die Tür öffnet zu einer weniger absurden, dafür aber menschlichen und vor allem menschenwürdigen Welt. Die unabdingbare Voraussetzung dafür ist es in meinen Augen, hinter die Absurdität der gegenwärtigen Verhältnisse zu schauen. Wir müssen all die Tendenzen, die Entwicklungen und die Gesetzmäßigkeiten, die die Welt in ihren derzeitigen Zustand geführt haben, nüchtern analysieren, um die Triebkräfte die hier am Werk sind zu verstehen. Wenn wir das tun, dann werden wir sehen, dass es einen Bereich gibt, der sich zum Herzen, also zum wichtigsten Organ des gesellschaftlichen Körpers und – aufgrund historischer Umstände – zu seinem wichtigsten Krankheitsherd entwickelt hat: den Finanzsektor.

      Die Mehrheit der Menschen geht immer noch davon aus, dass dieser Finanzsektor nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft ist, also einer von vielen gleichberechtigten mehr oder weniger gleichbedeutenden Bereichen. Das aber stimmt bereits seit über einem Jahrhundert nicht mehr. Untersucht man zum Beispiel die Rolle der Finanzindustrie in beiden Weltkriegen, so stellt man fest, dass der ganz große Gewinner der daraus hervorgegangen ist, die Banken waren. Dass der Ausspruch  all wars are bankers wars  sich zweimal voll und ganz bewahrheitet hat. Aber das Finanzsystem von heute ist nicht mehr das Finanzsystem der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Es hat seit den Siebzigerjahren eine grundlegende Veränderung durchgemacht. Ist seit den Neunzigerjahren geradezu explodiert und hat es in unserem Jahrtausend geschafft, sich die Welt in einer nie dagewesenen Weise zu unterwerfen. Der Umfang des globalen Finanzsystems beträgt heute ein Vielfaches der Realwirtschaft. Wie groß es ist, kann niemand sagen, da sich, aufgrund der Lockerung rechtlicher Vorschriften, eine globale Grauzone entwickelt hat, deren Umfang auch Insider nur abschätzen können. Aber unabhängig von seiner exakten Größe, muss man heute von folgenden Tatsachen ausgehen:

      Das Finanzsystem entscheidet darüber, was für eine Ausbildung wir genießen, ob wir Arbeit haben, ob und wie uns im Krankheitsfall geholfen wird, und ob und wie wir im Alter versorgt sind, das heißt, es entscheidet darüber wie hoch unser Lebensstandard ist. Aber das ist noch lange nicht alles. Es entscheidet auch darüber, wer uns regiert und wie viele demokratische Rechte uns gewährt werden. Und es entscheidet in letzter Instanz darüber, ob wir im Krieg oder im Frieden leben. Das heißt, das Finanzsystem ist für uns alle von allergrößter Bedeutung. Das Problem damit, es ist überaus schwer zu fassen, weil es nicht nur unüberschaubar groß geworden ist, sondern sich durch zwei weitere Eigenschaften auszeichnet. Erstens, viele Dinge spielen sich im Verborgenen ab. Und zweitens, es handelt sich um das am stärksten manipulierte Finanzsystem, das es jemals gegeben hat. Und nicht nur das – in diesem Finanzsystem bildet sich seit einiger Zeit etwas heraus, das dem seismischen Ereignis eines Tsunami gleichkommt.

      Beim Tsunami handelt es sich um eine Erdbebenwelle die dann entsteht, wenn Erdplatten unter dem Meer eine so große Spannung entwickeln, dass sie sich urplötzlich über einander schieben,  dadurch riesige Wassermengen verdrängen, die sich im Ozean ausbreiten und als gewaltige Wellen auf Land treffen. Entscheidend bei der Parallele zwischen dem Tsunami in der Natur und dem im Finanzsystem sind vier Dinge:

      Erstens, der Prozess der in die Katastrophe führt, dauert extrem lange. Zweitens, der Auslöser der Katastrophe ist mit bloßem Auge nicht zuerkennen. Drittens, zwischen dem Auslösen und dem Eintreten der Katastrophe vergeht eine relativ lange Zeit. Und viertens, die Katastrophe trifft den, der diese Zusammenhänge nicht kennt, vollkommen unerwartet.

      Ich denke die beiden entscheidenden Fragen, die sich jetzt  jeder stellen wird, lauten, wie weit hat sich dieser Finanz Tsunami inzwischen entwickelt und wo genau befinden wir uns zur Zeit?

      Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir einen kurzen Blick auf die historische Entwicklung des globalen Finanzsystems werfen:

      Begonnen hat alles in einem kleinen Ort an der Ostküste der USA in Bretton Woods. In der Schule ist uns beigebracht worden, dass Bretton Woods die Konsequenzen aus den Fehlern zwischen zwei Weltkriegen ziehen und der Welt freien Handel und friedlichen Wettbewerb bescheren sollte. Die Wahrheit allerdings, ist weit von dieser Version entfernt. Bretton Woods spiegelte nichts anderes wider, als neue Machtverhältnisse. Die Zeit des britischen Empires war endgültig vorbei und die USA waren zur ersten globalen Supermacht aufgestiegen. Die USA besaßen damals den größten Binnenmarkt, die stärkste Wirtschaft, waren nach zwei Weltkriegen der größte Gläubiger, verfügten über die größten Goldvorräte, hatten das stärkste Militär und verfügten als einziges Land der Erde über die Atombombe. Das einzige Problem der USA zu diesem Zeitpunkt war die Überproduktion. Die Wirtschaft der USA stellte mehr Waren her, als der heimische Markt aufnehmen konnte, das heißt, die USA brauchten Märkte. Zu diesem Zweck taten sie etwas, das vordem noch kein Land der Welt gemacht hatte: Sie erklärten ihre eigene Währung, den US-Dollar, zur weltweiten Leitwährung, banden den Dollar an Gold, und alle anderen Währungen der Welt, zu festen Wechselkursen, an den Dollar.

      Das Pikante an dieser ganzen Sache ist die Rolle die die US-Zentralbank Federal Reserve seitdem weltweit spielt. Sie ist nämlich die einzige Organisation auf der gesamten Welt, die den US-Dollar schaffen darf.

      Jetzt gehen viele Menschen davon aus, dass es sich bei der Federal Reserve um eine Organisation handelt, die der US-Regierung unterstellt ist. Tatsächlich aber ist die Federal Reserve ein privates Bankenkartell, das sich nach seiner Gründung 1913 unter Mithilfe der Politik das Monopol der Geldschöpfung angeeignet hat, und das sich damit, was die Macht angeht, über die US-Regierung erhoben hat. Das wiederum heißt, die Organisation, die in den USA die mächtigste Kraft im Lande ist, ist nach dem Zweiten Weltkrieg zur mächtigsten Kraft weltweit  geworden.

      Und das wiederum bedeutet, das System von Bretton Woods, das die globale Vormacht des Dollars zementiert hat, hat mit Demokratie und Gerechtigkeit oder mit Gleichberechtigung nicht das Geringste zu tun, sondern hat die gesamte Welt der Diktatur einer Währung und damit der Diktatur der Organisation, die diese Währung als Einzige schaffen darf, unterworfen.

      Nach der Konferenz von Bretton Woods und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es dann zu einer für viele überraschenden Entwicklung. Der immer wieder totgesagte Kapitalismus erlebte plötzlich einen gewaltigen Aufschwung. In den Jahren von 1948 bis 1973 kam es zu einem 25 jährigen Nachkriegs-Boom den ihm niemand zugetraut hätte. Der Grund dafür, einerseits die Zerstörungen des Zweite Weltkriegs, die dazu führten, dass in den Wiederaufbau investiert wurde – bei uns in Deutschland das Wirtschaftswunder genannt – und die Überflutung der Welt durch amerikanische Waren und amerikanisches Geld.

      In der Mitte der 60er Jahre dann, setzte ein Prozess ein, der den US-Dollar nach und nach untergrub. Zwischen der immer größeren Menge an Dollars die in der Welt kursierten und dem Goldvorrat der USA entwickelte sich nämlich ein immer stärkeres Missverhältnis, das Investoren in aller Welt misstrauisch machte. Nachdem der französische Präsident de Gaulle dann auch noch die Rückführung der französischen Goldvorräte verlangte, die damals in den USA gelagert waren, weil man einen Angriff der UdSSR auf Westeuropa befürchtet hatte, setzte plötzlich ein immer stärker werdender Run auf das Gold ein. Daraufhin reagierte der amerikanische Präsident Nixon und ließ am 15. August 1971 die Lieblings-Fernsehserie aller Amerikaner „Bonanza“  unterbrechen, um der Welt das Ende der Gold-Dollar-Bindung zu verkünden. Viele haben sich damals gewundert und gefragt, warum erzählt er uns sowas?

      Heute muss man sagen, aus heutiger Sicht ist das Ende der Gold-Dollar-Bindung eines der wichtigsten Ereignisse im 20ten Jahrhundert gewesen. Dieses Ende hat nämlich aus einer richtigen – einer durch einen tatsächlichen Wert gedeckten Währung – eine Scheinwährung gemacht. Und damit den Weg geebnet, für zwei Prozesse, die nach dem Ende des Nachkriegs-Booms eingesetzt haben und unser Leben heute prägen wie keine anderen. Die Prozesse der Deregulierung und der Finanzialisierung der Weltwirtschaft. Dazu muss man Folgendes wissen:

      Das Bankengewerbe ist nach dem Crash von 1929 zunächst in den USA, später auch in anderen Ländern, reguliert worden. Warum? Weil damals viele Einleger ihr Geld verloren haben, ohne zu wissen, dass die Bank damit spekulieren durfte. Aufgrund des Drucks aus der Bevölkerung – damals waren die Gewerkschaften in den USA noch relativ stark – wurden zum einen das Trennbankensystem eingeführt, dass das klassische und weitgehend sichere Bankgeschäft vom unsicheren und hochspekulativen Investment Banking trennte. Und zum anderen wurden diverse Regeln erlassen um ungehemmter riskanter Spekulation den Boden zu entziehen. Diese Regeln wurden nach dem Ende des Nachkriegs-Booms, auf der Suche nach neuen Profitmöglichkeiten, ab Mitte der 70er Jahre immer stärker aufgeweicht und im folgenden Vierteljahrhundert fast vollkommen außer Kraft gesetzt. Zwar hatte das Finanzkapital seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger das Steuer über die Wirtschaft in die Hand genommen, aber mit dem dadurch eingeleiteten Prozess der Finanzialisierung begann eine neue Stufe seiner Existenz. Es begann nämlich sich weitgehend von der Realwirtschaft zu lösen und ein Eigenleben zu führen. Zunächst in kleinen Schritten, in den 80er Jahren schneller, und in den 90er Jahren mit Riesenschritten. Vier Dinge haben bei der Finanzialisierung eine besondere Rolle gespielt:

      Erstens, die Zulassung von Hedgefonds. Zweitens, die Einführung von Derivaten. Drittens, die Zunahme von Leerverkäufen. Und Viertens, der Handel mit Schulden.

      Ich will dazu kurz ein paar Dinge erläutern, damit man sieht wie das Finanzsystem systematisch pervertiert wurde. Hedgefonds zum Beispiel sind nichts anderes als Vermögensverwaltungen für Milliardäre, die wie Banken funktionieren aber deren Regeln nicht unterliegen. Die Einführung von Hedgefonds hatte folgenden Effekt: Sämtliche Großbanken der Welt gründeten ihre eigenen Hedgefonds und konnten damit ganz legal genau in die Geschäftsbereiche vordringen, die ihnen bis dahin nicht erlaubt waren. Derivate, dazu zählen Puts, Calls, Options, Futures, Swaps – also lauter Produkte die dem Laien überhaupt nichts sagen – haben alle eine Gemeinsamkeit, es handelt sich bei ihnen um nichts anderes als Wetten. Derivate sind Wetten auf steigende und fallende Preise, auf steigende und fallende Kurse, auf steigende und fallende Zinssätze. Das wohl wichtigste Derivat ist die in den 90er Jahren eingeführte Kredit-Ausfallversicherung. Im Grunde ist eine Kredit-Ausfall-versicherung ja etwas Vernünftiges. Wenn ich jemandem einen Kredit gewähre und nicht weiß, ob derjenige mir das Geld am Ende der Laufzeit zurückzahlen kann, dann gehe ich zu einer Bank und versichere mich gegen den Ausfall des Kreditnehmers. Nur, in den 90er Jahren kam eine Goldman Sachs Bankerin namens Blythe Masters auf die aberwitzige Idee, dass diese Versicherung nicht nur vom Kreditgeber, sondern von jedem an dem Geschäft selbst Unbeteiligten abgeschlossen werden durfte! Zur Erläuterung nehm ich mal einen Fall aus ihrem Alltag:

      Ihr Nachbar hat Angst, dass sein Haus abbrennen könnte – und versichert es gegen Brandschaden. Nichts dagegen einzuwenden! Jetzt kommt aber Goldman Sachs um die Ecke und erlaubt ihnen eine Ausfallversicherung auf das Haus ihres Nachbarn abzuschließen – und das nicht nur bei einer Bank, sondern bei drei, fünf, sieben, oder beliebig vielen Banken! Was passiert jetzt, wenn das Haus ihres Nachbarn tatsächlich abbrennt? Sie bekommen den dreifachen, fünffachen, siebenfachen oder noch höheren Preis dieses Hauses ausbezahlt! Vermutlich aber bekommen sie vorher Besuch von der Kriminalpolizei, weil sie nämlich ihr Alibi überprüfen, da sie ja ein eminentes Interesse an dem Brand hatten.

      Genau nach diesem Prinzip sind in den 90er Jahren zahllose mittelständische Betriebe ruiniert worden. Investoren haben Kredit-Ausfallversicherungen auf diese Betriebe abgeschlossen, haben diese Betriebe übernommen, sie ausgeweidet und absichtlich in den Konkurs geführt – und anschließend abkassiert. Einige leuchtende Beispiele für diese Gattung sind Mitt Romney, der Gegenspieler von Obama in seinem zweiten Wahlkampf und Wilbur Ross, der derzeitige Handelsminister im Kabinett Trump, die beide auf diese Weise von Millionären zu Milliardären geworden sind.

      Das entscheidende Merkmal dieser Kredit-Ausfallversicherung ist, dass sie volkswirtschaftlich nicht nur vollkommen sinnlos, sondern zerstörerisch ist und nur einem einzigen Zweck dient, nämlich der Bereicherung von Spekulanten. Dasselbe gilt für Leerverkäufe. Normalerweise kauft man Aktien und hofft darauf, dass ihr Kurs steigt und man sie später zu einem günstigeren Kurs verkaufen kann. Volkswirtschaftlich sinnvoll, weil man ja dadurch eine Beteiligung am Erfolg eines Unternehmens erwirbt. Beim Leerverkauf allerdings setzten sie nicht auf steigende, sondern auf fallende Kurse. Dazu kaufen sie keine Aktien, sondern leihen sie sich, verkaufen sie umgehend, warten, bis die Kurse gefallen sind, kaufen sie dann wieder auf, und geben das geliehene Aktienpaket zurück. Das Perverse daran, sie haben durch den Verlust eines Anderen selbst Gewinn gemacht. Auch hier gilt: volkswirtschaftlich unsinnig und schädlich, einziger Zweck – die Bereicherung von Spekulanten!

      Es kommt aber noch der Gipfel des Absurden, der Handel mit Schulden:

      In den 90er Jahren wurde immer mehr sogenannte asset-backed securities auf den Markt geworfen, zu deutsch forderungsbesicherte Wertpapiere. Zu diesem Zweck wurden Schulden von Gläubigern gebündelt, zu Wertpapieren verpackt und anschließend verkauft. Schon das Wort forderungsbesicherte Wertpapiere selbst, ist ein Widerspruch in sich! Eine Forderung ist etwas Ausstehendes, etwas das ich nicht habe – also nicht sicher. Ein Wertpapier, das mit einer Forderung, zum Beispiel mit einer Hypothek auf ein Haus, besichert ist, ist also im Grunde eine Absurdität. Noch absurder wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass die Forderung ja auf der Soll-Seite der Bilanz gebucht wird, während ein Wertpapier als Haben verbucht wird. Das heißt, hier sind Verbindlichkeiten zu Vermögen umdeklariert worden, mit dem Ergebnis, dass Bilanzen jegliche Aussagekraft verlieren! Genau diese forderungsbesicherten Wertpapiere waren der Grund für die große Krise von 2007/2008. In den USA waren damals immer mehr Häuser an nicht kreditwürdige Kunden verkauft worden. Deren Schulden waren gebündelt und im großen Stil international vertrieben worden. Als die Häuser-Blase dann platzte, stellten Banken in aller Welt fest, dass sie toxische, also nichts anderes als wertlose Papiere in Händen hielten. Das wiederum führte dazu, dass Banken in aller Welt die Zahlungsunfähigkeit und damit dem gesamten System der Zusammenbruch drohte. Interessant ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass die Politik zunächst überhaupt nicht begriff, wie ernst die Lage war.

      In den USA beschloss der Kongress zunächst keine Banken zu retten. In Deutschland rief Angela Merkel den Deutsche Bank-Chef Ackermann an und erklärte ihm, dass sie nicht bereit sei, die Banken zu retten. Dann aber zeigte sich, wer von beiden das Sagen hat. Die Bankenchefs machten den Politikern schnell klar, welche dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen ein Zusammenbruch nach sich ziehen würde, und dass man diesen der mangelnden Hilfsbereitschaft der Politik zuschreiben könnte. Anders ausgedrückt, das Führungspersonal der Finanzindustrie stellte das Führungspersonal der Politik vor die Alternative: helft uns oder geht mit uns unter! Die Politiker reagierten schnell und gingen in ihrer gewohnten Unterwürfigkeit noch einen Schritt weiter. Sie retteten die Bankern nicht nur, sondern erklärten sie in einem weiteren Schritt für too big to fail. Ein Freibrief, der den Begriff von den Finanzmärkten ad absurdum führt.

      Märkte sind Handelsplätze auf denen Wettbewerb herrscht und auf denen die, die im Wettbewerb nicht bestehen können zugrunde gehen. Too big to fail aber bedeutet nichts anderes, als eine Überlebensgarantie, die, selbst bei größter Misswirtschaft und vor allem bei gewissen- losester Spekulation. Mit der Erklärung der Großbanken für too big to fail ist die Welt 2007/2008 in ein neues Zeitalter getreten. Seit der Krise von damals ist die Macht der Großbanken global zu einer unantastbaren und über Recht und Gesetz stehenden Größe gemacht worden. Damit sind George Orwells schlimmste Visionen aus 1984 inzwischen nicht nur eingetreten, sondern übertroffen. Diese Macht bedeutet nämlich, dass wir in Krisenzeiten auch nicht mehr zum Schein von der Politik, sondern auf direktem Wege durch Vertreter des Bankengewerbes, Technokraten genannt, regiert werden. Einige Beispiele dafür:

      Die Einsetzung der Goldman Sachs-Banker Mario Monti als Premier in Italien, und Lucas Papademos in Griechenland. Und die Unterstellung Südeuropas unter die Zwangsherrschaft der Troika, in der der IWF, die größte Finanzorganisation der Welt und die EZB, die Europäische Zentralbank, den Ton angeben, und der Politik in Gestalt der EU-Kommission  ihre Anweisungen erteilen. Die Bankenrettung selbst, wurde dadurch bewerkstelligt, dass die Löcher in den Banken zunächst mit Steuergeldern, also dem Geld arbeitender Menschen, gefüllt wurden. Da es sich aber um dreistellige Milliardenbeträge handelte, haben wir es bei der Bewältigung der Krise von 2007/2008 mit der größten Vermögensumverteilung in der gesamten Geschichte der Menschheit zu tun. Noch nie ist so viel Geld von arbeitenden Menschen in die Hände ultrareicher Investoren geleitet worden, wie vor zehn Jahren. Trotzdem hat die Umverteilung nicht ausgereicht um alle Löcher zu stopfen. Das heißt, eigentlich hätte das globale Finanzsystem im Jahre 2008 in die Hände eines Konkursverwalters gehört. Um das zu verhindern, wurden zwei Maßnahmen ergriffen.

      Zum einen wurde die Austeritätspolitik eingeführt, das heißt, nicht die Spekulanten mussten sich einschränken, sondern die arbeitende Bevölkerung musste durch Kürzungen und Einsparungen, also eine Senkung ihres Lebensstandards, die Last der Krise tragen. Da das aber zu einer Verringerung der Kaufkraft der Massen und damit zu geringerer Nachfrage in der Wirtschaft führt, stagniert seitdem die Weltwirtschaft, was aber nicht hingenommen werden darf. Da unser System kreditgetrieben ist, und zur Bedienung dieser Kredite auf ständiges Wachstum angewiesen ist.

      Also haben die Zentralbanken die Rolle des Geldbeschaffers übernommen. Und das in historisch nie dagewesener Weise. Die wichtigsten Zentralbanken der Welt haben seit 2008 den Gegenwert von zwischen 14 und 16 Billionen US-Dollar ins System eingespeist – und das zu immer niedrigeren Zinssätzen. Die Zentralbanken haben ihre Zinssätze seit 2008 mehr als 690mal gesenkt. Auf diese Art und Weise ist aber nicht die Weltwirtschaft wieder in Gang gebracht worden, nein, der Löwenanteil des Geldes ist wieder in die Spekulation geflossen, hat den Finanzsektor weiter aufgebläht und dafür gesorgt, dass die Risiken im System heute um ein Vielfaches größer sind, als 2008. Das gravierendste Problem dabei ist, dieser Prozess lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Es ist nicht möglich die Zinsen langsam wieder anzuheben und die Geldmenge nach und nach wieder zu reduzieren, so wie es Janet Yellen und Mario Draghi der Öffentlichkeit immer wieder versprechen. Warum nicht? Weil der weltweite Schuldenberg dies nicht erlaubt. Zwischen zweihundert und dreihundert Billionen an Schulden müssen ständig bedient werden. Das heißt, eine Verringerung der Geldmenge und ein Heraufsetzen des Zinssatzes würden da ähnlich wirken, als wenn man bei einem Rennwagen in voller Fahrt den Rückwärtsgang einlegen würde. Oder, um ein anderes Bild zu bemühen, das globale Finanzsystem gleicht heute einem Auto mit luftgekühltem Motor, dessen Fahrer zwecks Kühlung immer schneller fahren muss, wobei die Ingenieure im Hintergrund genau wissen, irgendwann wird der Motor platzen.

      Kehren wir nach der ernüchternden Analyse zu der Frage zurück, wo stehen wir jetzt? Die Antwort lautet, wir befinden uns im Endstadium eines Systems, das außer Kontrolle geraten ist. Was aber tun diejenigen welche es lenken und leiten, um die Katastrophe zu vermeiden? Die Antwort lautet, die Verantwortlichen haben nach 2008 alle möglichen Versprechungen gemacht, aber nicht eines davon eingehalten. Sie kündigen ständig die große Wende an, eine Umkehr vom bisherigen Weg, aber es passiert nichts. Und die erschreckende Wahrheit ist, es kann gar nichts passieren, weil es nicht mehr möglich ist, diesen Pfad zu verlassen. Was also steht uns bevor? Das System wird von denen, die davon profitieren, vermutlich so lange am Leben erhalten werden, wie es irgendwie geht. Wie lange das noch gehen kann, kann niemand sagen, da der Manipulation und der Kriminalität keine Grenzen gesetzt sind. Nur Eines ist sicher: Die Profiteure werden aufgrund der wachsenden sozialen Ungleichheit in einen immer größeren Konflikt mit der arbeitenden Bevölkerung geraten. Und sie werden sich nicht scheuen, zu extremen Maßnahmen zu greifen.

      Sie werden die Demokratie weiter einschränken, sie werden die Rechte der Menschen weiter beschneiden, und sie werden auch nicht davor zurückschrecken, schlussendlich nach innen wie nach außen auf Gewalt zu setzen. Das heißt, sie werden auch bereit sein Kriege vom Zaun zu brechen, um auf diese Weise ihr Überleben zu sichern. Tatsächlich, und das ist vermutlich die größte Gefahr mit der wir zurzeit konfrontiert sind, könnte die Lebensdauer des Systems auf diese Weise noch einmal verlängert werden.

      Der Ökonom Ernst Winkler hat 1952 bereits vor dieser Gefahr gewarnt, als er Folgendes gesagt hat Der Krieg ist die großzügigste und wirkungsvollste Reinigungskrise zur Beseitigung der Überinvestition die es gibt. Er eröffnet gewaltige Möglichkeiten neuer, zusätzlicher Kapitalinvestitionen und sorgt für gründlichen Verschleiß und Verbrauch der angesammelten Vorräte, Waren und Kapitalien. Er ist damit das beste Mittel, um die endgültige Katastrophe des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder hinauszuschieben.

      Stellen wir also die für uns alle entscheidende Frage, gibt es überhaupt eine Möglichkeit, mit unseren begrenzten Mitteln zu verhindern, dass diese schlimmste aller Zukunftsvisionen eintritt? Ist der Kampf nicht bereits verloren? Im Grunde könnte man das meinen, wenn man bedenkt, dass die absolute Mehrheit der Menschen, das System das uns in diese missliche Situation geführt hat, ja nicht einmal versteht. Aber was bedeutet das? Das heißt doch, dass wir dringend eine Informationsoffensive brauchen, dass den Menschen erklärt werden muss, woher all die Probleme herrühren, mit denen sie Tag für Tag konfrontiert sind. Das es eben nicht Ausländer sind, nicht Migranten, nicht Flüchtlingsströme oder der Islam, die unsere Zukunft gefährden, sondern das Finanzsystem, das sich über uns alle erhoben hat und uns in diese dunkle Zeit geführt hat.

      Dass das internationale Finanzcasino stillgelegt werden muss, dass die Steuergesetze und die Erbschaftsgesetze geändert werden müssen, und dass verhindert werden muss, dass einzelne Menschen größere Vermögen besitzen, als ganze Staaten. Die Rahmenbedingungen für so eine Informationsoffensive sind jedenfalls gegeben. Zum einen werden immer mehr Menschen aufgrund der Verschärfung der Situation in einen immer stärkeren Konflikt mit diesem System geführt, zum anderen werden sie aufgrund der objektiven Entwicklung mit den politischen Kräften in Konflikt geraten, die ihre Wut in nationalistischen oder separatistischen Parolen zu bündeln und zu kanalisieren versuchen.

      In Österreich zum Beispiel, werden die Menschen in den kommenden Monaten sehr schnell merken, dass der Kreuzzug ihres Kanzlers Sebastian Kurz gegen den Islam weder gegen Lohnkürzungen noch gegen Sozialabbau, noch gegen die allgemeine Senkung des Lebensstandards helfen wird. Darüber hinaus, wird der Zerfall der alten Strukturen, wie zum Beispiel der Zerfall der EU, sich nicht nur fortsetzen, sondern in der vor uns liegenden Periode beschleunigen und intensivieren. Das heißt, der Nährboden auf dem eine Informationsoffensive fruchten kann, existiert. Und nicht nur das, uns stehen heute Kommunikationswege offen, wie es sie in der Geschichte der Menschheit bisher nicht gegeben hat. Wir können Informationen schneller und effektiver verbreiten als jemals zuvor. Henry Ford hat einmal gesagt Wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, hätten wir noch vor Morgen früh eine Revolution. Angesichts des Niedergangs und der Fäulnis des Finanzsystems ist es in meinen Augen höchste Zeit, diesen Prozess endlich in Gang zu setzen – und zwar auf friedliche Weise und durch Überzeugungsarbeit.

Vielen Dank!

Transskript des Vortrags von Ernst WOLFF zur Veröffentlichung seines Buchs FINANZ TSUNAMI  vom 08.11.2017 im Studierendenclub QuasiMono – Eine Veranstaltung von attac Cottbus gemeinschaftlich mit der Friedenskoordination Cottbus. Praktisch gleichlautend gehalten am 30.11.2017 im Aktionsradius Wien.

Zum 39:27 Minuten-Video Ernst Wolff „Finanz Tsunami“
Das Mises-Institut über die Profiteure der Bargeldabschaffung
Der unvorstellbare Weltschuldenberg auf einen Blick

Gott hilft denen, die sich selbst helfen.“
Benjamin Franklin, (1706 – 1790), US-amerikanischer Staatsmann, Naturwissenschaftler und Schriftsteller

 

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Über den Autor
Joe Ofenböck ist Mit-Initiator der WienerWende und Geschäftsmann in Wien.

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